Digitalisierung ist ein Wort, bei dem ziemlich unklar ist, was es eigentlich bedeutet, so dass sich jeder etwas anderes darunter vorstellt. Digitalisierung umfasst zahlreiche Themenbereiche und Aspekte wie Cloud Computing, Social Media Marketing, Internet of Things, Industrie4.0, alle Arten von Software Plattformen und Algorithmen und natürlich Künstliche Intelligenz, Data Science und Robotik bis hin zur Elektromobilität und zum Klimawandel. Es geht aber auch um Innovation, Startups, um wegbrechende und sich schnell verändernde Geschäftsmodelle, wie man das in der Automobil-Industrie derzeit gut beobachten kann. Als „Hilfsmittel“, um den digitalen Wandel und die Unsicherheit zu managen, bieten Beratungsunternehmen eine Vielzahl von agilen und sonstigen Methoden wie Design Thinking, Lean Startup, Kanban, Scrum, SAFe®, New Work und Selbstorganisation an.

Doch die unreflektierte Anwendung von „Methoden“ zum Umgang mit Digitalisierung hilft nur bedingt, wie man beispielsweise gut an den vielen festgefahrenen agilen Transformationen beobachten kann. Was diese Methoden leisten, konnte man auch gut in der Februar-Ausgabe des Manager-Magazins im Artikel „Ausgebremst“ lesen, bei dem über die erschütternde Bilanz der Berliner Innovationslabs berichtet wurde. Selbst unter Aufwendung erheblicher finanzieller Mittel scheitern viele Konzerne an der Komplexität der Digitalisierung.

Diese Gesamtsituation von wachsender Unsicherheit, hohem Innovationsdruck und widersprüchlichen Anforderungen, die sich bei Führungskräften und Mitarbeitern häufig in Form von Arbeitsverdichtung, Stress, Angst um den Arbeitsplatz und Resignation niederschlägt, trübt den Blick dafür, dass (die oft schnelle) Veränderung schon vor 2600 Jahren zu Buddhas Zeiten als Grundeigenschaft dieser Welt erkannt wurde. Was wir gerade erleben, ist keine Krise, sondern der „Normalzustand“ unseres Universums.

Doch was können wir tun, wenn in Zeiten der Unsicherheit auch die erprobten Methoden an ihre Grenzen stoßen? Wie können wir in einer hochgradig unzuverlässigen Welt leben, in der die Wahrheit verschwimmt und Nichtlinearität das Ordnungsprinzip darstellt?

Ausgangspunkt ist es zu akzeptieren, dass die Veränderung der Welt eine ihrer Grundprinzipien ist, auch wenn wir Menschen das nicht unbedingt mögen. Dies zu akzeptieren befreit uns aus unserer Denkschleife und hilft uns, uns nicht unnötig gegen das aufzulehnen, was sowieso geschieht.

Ein weiteres Grundprinzip ist die gegenseitige Abhängigkeit aller Dinge, d.h. vieles von dem was uns begegnet, liegt außerhalb unseres Einflussbereichs und entzieht sich unserer Kontrolle. Andererseits sind wir auch Teil des Gesamtsystems und alles was wir tun, hat eine Wirkung. Wir müssen also ein gutes Empfinden entwickeln, an welcher Stelle wir hart zupacken müssen und wo es sich nicht lohnt, sich zu engagieren. Wir müssen uns also auf das Wesentliche konzentrieren.

Ich bezeichne das als „digitalen Fokus.“ Doch welche Dinge sind die Wesentlichen? Im Folgenden beschreibe ich fünf Punkte, auf die wir uns in der digitalen Welt fokussieren sollten:

1. Fachliche, digitale Fähigkeiten

Die intime Kenntnis digitaler Plattformen und IT-Werkzeuge gehören mehr und mehr zum selbstverständlichen Handwerkszeug im beruflichen Alltag. Wer nicht für IT-gestützte Technologien offen ist wird es zukünftig immer schwerer haben, seinen Platz im beruflichen Alltag zu finden und auch seinen privaten Alltag zu organisieren. Es reicht zukünftig auch nicht mehr aus, nur sein Smartphone und seinen PC bedienen zu können, sondern es sind auch zumindest rudimentäre Kenntnisse über mathematische Grundlagen, Daten und deren Auswertung, Arbeiten mit komplexen IT-Systemen und Anforderungsmanagement bis hin zu einem Grundverständnis von KI-getriebenen Systemen erforderlich. Auch die Einsatzmöglichkeiten und Grenzen einer Technologie sind richtig einzuschätzen, um die Chancen erfolgreich nutzen zu können.

 Umfangreiches fachliches Wissen ist also eine Grundvoraussetzung, um flexibel auf Veränderungen reagieren zu können.

2. Methodenkenntnis und organisatorische Fähigkeiten

Auch wenn Methoden wie Organisations- und Kreativmethoden wie Design Thinking, Lean Startup, Scrum, Kanban, Requirements Engineering usw. kein Allheilmittel darstellen, so sind sie doch nützliche Werkzeuge, um Ideen zu strukturieren, Teams zu organisieren, Prototypen am Markt zu testen und liefern einen großen Werkzeugkasten, um eine Organisation weiter zu entwickeln. Die Kenntnis von Führungsmethoden, das Wissen wie man Organisationen entwickelt und auch deren praktische Anwendung sind eine wichtige Grundfähigkeit im digitalen Kontext. Speziell bei Führungskräften sind auch „Servant Leadership“ und „management by example“ wichtige Fähigkeiten, um Mitarbeiter zu motivieren und die Kräfte der Selbstorganisation zu entfesseln.

Umfangreiches methodisches Wissen ist also eine weitere digitale Grundvoraussetzung, um Organisationen zu entwickeln, die in der Lage sind, sich an wechselnde Gegebenheiten anzupassen.

3. Werteverständnis

Um Orientierung zu finden und einen inneren Kompass zu haben, lohnt es sich, sich mit seinen eigenen Werten und den Werten seiner Organisation zu beschäftigen. Je besser sich die Werte und die daraus resultierende Kultur des eigenen Unternehmens mit den eigenen Werten decken, desto besser. Agile Systeme basieren immer auf Werten wie Mut, Fokus, Commitment, Respekt, Offenheit, aber auch auf Transparenz und Empathie. Je besser wir selbst unsere ethischen Grundlagen in der Praxis umsetzen und unsere Werte selbst vorleben, desto eher finden wir einen menschlichen und organisatorischen Rahmen, innerhalb dessen eine nutzbringende Verbindung zwischen Mensch und technischer / gesellschaftlicher Innovation entstehen kann. Unsere Werte speisen dann auch eine digitale Ethik, die uns die zulässigen Grenzen des Technologie-Einsatzes definiert. In der Vergangenheit war die Menschheit meist nicht sehr gut darin, Technologie ausschließlich zum Nutzen der Menschheit einzusetzen. Eine gemeinsame digitale Zukunft haben wir jedoch nur, wenn wir Werte, Ethik und eine sich daraus ergebende Kultur in den Organisationen aktiv implementieren.

4. Kommunikationsfähigkeit

Bei Kommunikation denken wir ja oft an das Überreden, Überzeugen oder Verkaufen. Im Sinne dieses Beitrages geht es jedoch darum, eher weniger Worte zu verlieren. Es geht um Zuhören, um Empathie und emotionale Intelligenz. Ich sage in meinen Seminaren oft, „ein guter Verkäufer hat keine große Klappe, sondern große Ohren.“ Als echte Zuhörer wissen wir, dass eine Meinung vor allem eine Mein-ung ist, also meine persönliche Sichtweise darstellt und ich durch Zuhören vieles über den anderen und auch über mich selbst lernen kann. Dadurch entsteht Vertrauen und Nähe und es entwickeln sich echte Beziehungen auf Augenhöhe.

Gerade digitale Kommunikation über Videokonferenzen, Email, Chatprogramme und der permanente Strom meist belangloser Nachrichten erfordern eine empathische Dimension jenseits der Worte oder des Textes, vor allem auch im interkulturellen Kontext.

Weiterhin umfasst Kommunikation Stakeholder Management, fairer und ausgleichender Umgang mit Konflikten, Ängsten und Widerständen. Ein gutes Rahmenwerk ist die „gewaltfreie Kommunikation“ nach Marshall Rosenberg, die sich mit etwas Übung hervorragend in den Alltag integrieren lässt.

5. Fokus

Fokus entsteht nicht, indem wir etwas tun, sondern in dem wir Dinge lassen. Less, but better“ oder „maximize the work not done“ oder “perfekt ist es dann, wenn man nichts mehr weglassen kann“ sind uralte Konzepte und keine Erfindung der neuen Minimalismus-Bewegung. Es genügt völlig, sich auf eine einzige Aufgabe zu konzentrieren, nämlich diejenige, die gerade zu erledigen ist. Das ist im Grunde die einzige Sache, die wir kontrollieren können. Alles andere liegt außerhalb unserer Reichweite. Daher sind alle anderen Aufgaben und Aktivitäten sind in diesem Moment völlig bedeutungslos. Indem ich mich auf diese einzige Aufgabe konzentriere und sie bestmöglich erledige, entfällt das Gefühl der Gleichzeitigkeit, dass wir alles parallel und viel zu viel von allem zu erledigen haben. Wir erzielen dadurch mehr „outcome“ statt mehr „output“. Unnötige Aufgaben werden erst gar nicht erledigt und die wenigen Dinge, die wirklich zu erledigen sind, haben eine gute Qualität. Das zwingt einen dazu, radikal Aufgaben auszumisten, unproduktive Meetings zu streichen, nur mit Kollegen zu sprechen, wenn man auch Zeit für sie hat (dann aber produktive Gespräche führt) und auch Zeiten für Erholung, Regeneration, Sport, Meditation, Freizeit, Freunde, Familie und kreatives Nichtstun einzuplanen.

 

 Zusammenfassung

Indem wir unsere Werte leben und unsere grundlegenden Bedürfnisse berücksichtigen, uns fortlaufend weiterbilden und an der Entwicklung unserer Persönlichkeit arbeiten, unsere Kommunikation und unsere Empathie trainieren und uns auf diejenigen Aufgaben konzentrieren, die wir in guter Qualität konzentriert und ohne übertriebene Hektik erledigen können, werden wir fit für Veränderung und können uns gegenüber dem digitalen Wandel gelassen geben und entspannt in die Zukunft blicken. Wie die Lotusblume auch im trüben Wasser erblüht, behalten wir unseren digitalen Fokus. Digitalisierung führt in diesem Sinne zu mehr Menschlichkeit, einer erfolgreichen Bewältigung unseres komplexen, veränderlichen Alltags und zu einem friedfertigen und konstruktiven Umgang miteinander.